Donnerstag, 14. Januar 2010

Eine Antwort auf die Frage: Was ist typisch männlich, was typisch weiblich?

In meinem letzten Beitrag, dem Bericht zum Transgender-Euregio-Treff im Januar 2010 haben Farah und ich ein paar Fragen aufgeworfen, was z.B. typisch männlich bzw. typisch weiblich sei und ob bestimmte männliche bzw. weibliche Charaktermerkmale anerzogen sind. Darauf hin hat Patricia aus Zürich mir eine sehr schöne und wie ich finde lesenswerte Antwort per Email geschrieben. Ich finde ihre Email so gut, daß ich sie hier ungekürzt veröffentliche. Patricia hat mir dazu ihre Einwilligung gegeben.
Hallo zusammen

Habe mir grad den neusten Film zum vergangenen Transgender-Euregio-Treff angesehen und mir dabei auch die gestellten Fragen durch den Kopf gehen lassen. Es sind ja nicht so abwegige Fragen, denn diese stellen sich die allermeisten Transgender irgendwann im Leben (oder auch immer wieder). Vor einigen Tagen habe ich bei Amazon ein geniales Buch erstanden, den Ratgeber "Ich bin (k)ein Mann" von Jule Böge. Selten habe ich ein derart geniales Buch gelesen und innert weniger Tage richtiggehend "verschlungen". Und meiner Ansicht nach, werden Eure Fragen darin auch sehr gut behandelt. Aber nun zu meiner persönlichen Ansicht Eurer Fragen:

Was macht einen Mann zu einem Mann und umgekehrt? Einerseits sicher die entsprechende Erscheinung in unserer Gesellschaft (extern) und andererseits das Selbstbewusstsein in der jeweiligen Rolle (intern). Für unsere Umgebung definiert sich das klar in der Wahrnehmung: zuerst optisch, dann verhaltenstechnisch und zuletzt auch psychisch. Zuerst wird ein Mensch ersteinmal gesehen und je nach erstem Eindruck blitzschnell in Mann oder Frau eingeteilt. Dann bestätigt sich diese Zuordnung durch das Auftreten und Verhalten oder das Gesamtbild entspricht nicht den Vorstellungen und Erwartungen und der Mensch wirkt abweichend/auffällig, sodass nochmals hingesehen werden muss um sich Klarheit zu verschaffen. Für einen selbst ist das anders: Man ist das, wofür man sich hält (wobei die Erziehung sowie der gesellschaftliche Rollendruck grossen Einfluss haben). Im Fall einer T-Person ist das aber etwas schwieriger, weil das Innere (Gefühl, Seele, oder was auch immer) wechselnde Tendenzen haben kann. Aber je länger man darüber nachdenkt, frage ich mich selbst nach den Definitionen zum Mann oder zur Frau. Schlussendlich sind wir einfach "nur" Menschen, wovon die einen mit dem einen Fortpflanzungsteil versehen sind und die anderen mit dem Gegenpol dazu. Es ist aber die Gesellschaftsordnung, die uns in Männer und Frauen auftrennt, denn so können die geschlechtsspezifischen Bedingungen besser geregelt und erfüllt werden. Macht ein Geschlechtsteil einen Mann zum Mann? Ist ein Mann, dem ein solches unfallbedingt entfernt werden musste, kein Mann mehr? Ist eine Frau nach einer Brustamputation (Krebs?) oder Gebärmutterentfernung auch keine Frau mehr? Basieren Mannsein oder Frausein auf gewissen Verhaltensmustern? Man könnte stundenlang darüber diskutieren und philosophieren, und wahrscheinlich hättet ihr von hundert Menschen hundert Ansichten.

Typische Verhaltensweiten und Eigenschaften? In unserer Gesellschaft erwartet man schon beinahe, dass Frauen sozialer, zurückhaltender, familienorientierter, zärtlicher, aber auch zickiger, hektischer und komplizierter sind als Männer. Stimmt das wirklich? Ich kenne von beiden Geschlechtern Tendenzen in beide Richtungen, also zickige Männer und forsche Frauen. Vielleicht ist es anatomisch bedingt, dass sich Frauen graziler bewegen und die Ellbogen stets näher am Körper halten und beweglichere Handgelenke haben. Männer hingegen sind eher breitbeinig und -schultrig, machen sich generell gern breit im Sofa oder wo auch immer. Ich weiss aber nicht, ob das anerzogen ist oder naturgesteuert. Da würde mich Eure Meinung interessieren.

Welche körperlichen Merkmale zeichnen einen Mann oder eine Frau aus? Männer wirken oft robuster, sind durchschnittlich grösser, haben auch grössere Hände und Füsse, verfügen über breitere Schultern und die Gesichtszüge sind gerne mal härter/furchiger. Auch die Haare spriessen wo immer nur möglich. Frauen hingegen wirken eher filigraner, feiner, "sanfter" im Erscheinungsbild, ferner haben sie oft nur Harre auf dem Kopf, dort dafür umso längere. Es gibt aber auch Abweichungen dieser Vorstellungen, also auch feine Männlein und schroffe Weiber. Und deswegen sind diese Frauen nicht weniger Frau und die Männer nicht weniger Mann. Allerdings kann man bei den schroffen Weibern nicht von Damen sprechen... :-) Dann sind da noch die ganz kleinen Unterschiede, wie Adamsapfel, Kehlkopf (Stimme), und so weiter. Interessanterweise haben schlanke aber Männer gerne mal die schöneren Beine als Frauen.

Gibt es bestimmte anerzogene Charaktermerkmale? Ja, ich denke schon. Unser Charakter ist stark von Wertvorstellungen geprägt, die uns durch die Erziehung mitgegeben wurden. Ich glaube aber nicht, dass es von Natur aus spezifische männliche oder weibliche Charaktere gibt, sondern dass jeder Mensch als Individuum seinen persönlichen, im Laufe der Jahre entwickelten Charakter im Rucksack hat. Ein Charakter ändert sich ja ständig fast unmerklich und begleitet uns durch den Alltag und steuert/beeinflusst unsere Rolle im Umgang mit unseren Mitmenschen (als Partner/in, Arbeitnehmer/in, Vereinsmeier/in, Freund/in, etc). Der Charakter wird auch von Erwartungen unseres Umfeldes beeinflusst, nach dem Motto "eine Frau tut sowas nicht" und ähnliches. Diese erzieherisch und sozial geprägten Wertvorstellungen, die stets uns eingebleut wurden/werden, halten wir dann unbewusst ein Leben lang ein; sie prägen und beeinflussen unseren Charakter. So wie sir ein Leben lang lernen, so werden wir auch ein Leben lang erzogen, was sich auf auf den Charakter auswirkt.

Ich hoffe, dass ich euch einige Antworten aus meiner persönlichen Sicht geben konnte. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch ein Kompliment zu eurem Blog abgeben. Die Beiträge sind gut zusammengesetzt und ich vermute, dass ihr mit dieser Plattform vielen Transgendern Mut macht, selbst aus den eigenen vier Wänden zu kommen. Zudem wird das Thema Transgenderism dank Eurer Seite auch sehr lebendig gehalten, was sicherlich ebenso sehr geschätzt wird. Ich wünsche euch weiterhin noch viel Motivation, Enthusiasmus und Erfolg bei euren weiteren zahlreichen Erlebnissen.

Herzliche Grüsse aus der Schweiz
Patricia
Ich hoffe die Mail von Patricia gefällt euch auch so gut wie mir und regt euch vielleicht dazu an, euch auch Gedanken dazu zu machen und mir vielleicht auch noch die eine oder andere Antwort zu dem aufgeworfenen Themankomplex zu geben bzw. eure eigenen Gedanken hier als Kommentar zu hinterlassen.

Kommentare:

  1. Hallo Michaela !
    Zu diesem Themenkreis möchte ich dir folgende Adresse aufgeben:
    www.verqueere-forschung.de.
    Es handelt sich um eine Batchelor
    Arbeit. Ganz interessant und verständlich geschrieben.
    Gruß, Claudia aus Kiel.

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  2. Wenn mensch mal alle Sterotypen weglasst, bleibt von Geschlecht nicht mehr viel übrig. Das was aber übrig bleibt, ist dennoch gerade deswegen wichtig: Ich mag es das Aufnehmende bzw. Penetrierende System bezeichnen (biologisch verankert). Obwohl jeder Mensch beide Systeme "in sich trägt", gibt es hier meiner Erfahrung nach einen passiven und aktiven Pol. Der aktive Pol ist dann derjenige, der das Geschlecht des Menschen ausmacht.

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  3. Meine Güte... ich habe gerade unter dem Link www.verqueere-forschung.de folgenden Satz gelesen:

    "Beteiligt haben sich 51 Personen, die 'männlich' geboren wurden und teilzeitig oder vollständig im Wahlgeschlecht 'Frau' leben."

    Wahlgeschlecht? Was ist denn das für eine Diskriminierung? Als ob sich transsexuelle Menschen ihr Geschlecht ausgesucht hätten. Frechheit!

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  4. Es sind Sätze wie "Männer mit Jacket und knöchellangen Röcken, bunte glitzernde Kleider, nicht nur auf der Bühne, so dass Bio-Frau neidisch werden könnte." die solche Texte als Heuchelei entlarven.

    Wer postuliert, das es Bio-Frauen gibt, im Gegensatz zu Nicht-Bio-Frauen mag noch so toll vorspiegeln, für eine Vielfalt der Geschlechter zu sein, er ist es dann eben nicht. Was ist eine Bio-Frau? Eine, die bestimmte Körpermerkmale ausweist? Welche sind das denn dann? Die Chromsomen? Das Fehlen eines Penis?

    Versteckte Transphobie, die transsexuellen Frauen abspricht, als Mädchen geboren zu sein (female variant), finde ich noch schlimmer, als offen gezeigte.

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  5. @kim
    Was ist daran heuchlerisch dazu zu stehen, dass mensch - womoglich mehrere Jahrzehnte - als physiologisch (biochemisch, genetisch, körperlich und sogar hirnphysiologisch) weitgehend eindeutig männlicher Mensch gelebt hat, einschliesslich der psychischen Konditionierung auf die männliche Rolle durch eine Umwelt, die es einfach nicht besser wissen konnte? Körperlich als Frau geborene Menschen bringen schon allein durch eine völlig anders verlaufenen Pubertät eine deutlich von den meisten mit Hoden und Penis geborenen Frauen (gefällt Dir das besser?) unterscheidbare Lebenserfahrung mit.
    Warum soll es dann so "transphob" oder gar politisch inkorrekt sein, sich diesen unleugbaren biolgischen Realitäten zu stellen?

    Ich hab jahrzehnte lang in einer falschen Rolle und mit einem keineswegs meiner Selbstwahrnehmung entsprechenden Körper die Unwahrheit gelebt, da hab ich jetzt, wo ich - ohne mich um irgendwelche Stereotypen auch nur einen Dreck zu scheren - Dank Pharmachemie und plastischer Chirurgie weitgehend selbstverständlich als Frau leben kann, die Illusion nicht mehr nötig, ich sei ohne Unterschied wie jede andere Frau als Mädchen geboren.
    Die Stärke, zu diesem Unterschied zu stehen gibt mir erst die Freiheit, so zu leben, wie ich es mir immer gewünscht habe.

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