Mittwoch, 27. Januar 2010

Gastbeitrag von Farah: Bewerbungsodyssee und Menschenrechtsverletzungen

Farah transidente Reporterin
Farah Moderatorin und Reporterin
Ursprünglich hochgeladen von Michaela-W

Heute werde ich euch von meinen Bewerbungsbemühungen erzählen. Ich bin als Sozialarbeiterin nun schon seit über 5 Monaten auf der Suche wieder eine Anstellung im sozialen Bereich zu finden. Meine Bewerbungsunterlagen sind einwandfrei, sonst wäre ich nicht jeden Monat bei mindestens einem potentiellen Arbeitgeber zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Aber als transidente Frau sind gute Qualifizierung, ein ansprechendes Äußeres sowie ein tadelloses Auftreten eben nur knapp die halbe Miete. Der größte Teil besteht eben zumindest für mein Gegenüber in der "Einstufung meiner Transidentität". Ich werde in bzw. nach Bewerbungsgesprächen oft mit Sätzen konfrontiert, die ungefähr so lauten "Sie haben ein erstklassiges Bewerbungsgespräch absolviert, aber wir sind hier im ländlichen Raum, katholischer Träger, die Gegend ist noch nicht so weit ich persönlich habe nichts gegen Sie ..."
Manchmal möchte ich in solchen Gesprächen einfach laut schreien und stelle mir dann vor wie ich mutig aufstehe und erkläre " Die Würde des Menschen ist unantastbar, niemand darf aufgrund seiner Identität diskriminiert werden, alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich ..." Aber ich weiß eben: Papier ist geduldig, Menschen sind wie sie sind und Fremdes macht Angst und im Zweifel ist es wichtiger was die Gemeinschaft bzw. die Mitbewohner, Mitarbeiter, Mitbürger usw. denken. Das Gesetz schweigt geduldig es wird nur aktiv wenn man es um Hilfe bittet und dazu braucht man Kraft und einen langen Atem. Diese Energie habe ich im Moment nicht, außerdem ist Recht per Gesetz mag es noch so rechtschaffen sein zerbrechlich und zerbricht am Druck der Straße bzw. dem Unverständnis der breiten Masse.
Wichtiger aus meiner Sicht ist Öffentlichkeitsarbeit: Die breite Masse muss wissen, dass sie Unrecht begeht wenn sie Transgender in ihrer Identität in Frage stellt und sie somit in ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einschränkt.
Sätze wie von meiner netten, aber eben auf diesem Gebiet unaufgeklärten Sachbearbeiterin: "Dann sollten Sie sich überlegen, ob Sie sich nur am Wochenende "ausleben" damit Sie aus dieser Lage rauskommen" sind zwar wohlwollend gemeint stellen aber letztlich meine Identität als Frau komplett in Frage. Am liebsten hätte ich geantwortet: "Dann versuchen Sie doch wenn Sie ihren Job behalten wollen die Woche über als Mann zur Arbeit zu gehen Ihr Frau-Sein können Sie ja am Wochenende leben". Aber dann denke ich mir es macht wenig Sinn Unrecht mit Unrecht aufzuwiegen.
Ich schweige traurig und träume von einer Welt, in der es keine Menschenrechtsverletzungen mehr gibt.

Ich denke ihr versteht nun warum ich mich auch heute wieder mit
" Die Würde des Menschen ist unantastbar ! " verabschiede.

...für mich sind diese Worte Vision vielleicht auch Wunschdenken, aber keine Worthülsen.

Herzlichst eure Farah

Kommentare:

  1. Ach Farah, sowas Gemeines: Der Satz mit dem "Ausleben", den hab ich früher auch manchmal gehört. Transvestiten und Crossdresser leben etwas aus, wenn sie für begrenzte Zeit in weibliche Sachen schlüpfen, aber Transgender sind eben keine "sich sexuell Ausleber".

    Andererseits können wir nicht die ganze Welt bekehren und müssen sehen, wo wir bleiben.

    Andererseits ist es so: Nach der Vornamensänderung bist du von der Papierlage her auch ohne OP eine Frau und niemand darf dich als "Herr Farah" ansprechen, oder so behandeln. Du mußt ganz eindeutig als Frau die Vorstellung absolvieren, nicht als Transmensch.

    Sicher ist das in einer Großstadt im Norden einfacher, als in einer Kleinstadt im Süden.

    Ich gebe mein trans schon lange nicht mehr preis. Sollen die Leute doch selbst drauf kommen. Es traut sich ohnehin kaum jemals ein Mensch, nachzufragen.

    Du empfindest wie eine Frau, du siehst aus und kleidest dich wie eine Frau: Du bist eine Frau! (Diesen Satz hat mir einmal ein ganz lieber Holländer gesagt, als es mir schlecht ging.)
    Ich drück dich. Svenja

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  2. Hallo Farah !
    Mir geht es auch so ähnlich wie bei Dir.
    Wenn ich meine Bewerbungen verschickt habe, bekomme ich entweder gar kleine Rückmeldung oder eine Absage mit den Worten:" Wir kommen mit ihrer Lebenseisntellung nicht klar", Wer passt auf ihre Kinder auf, etc... Ich finde es diskriminierend und herabwürdigend behandelt. Gar keine Chance zu bekommen, mich zu beweisen, daß ich etwas wert bin. Ich weiß, daß Arbeitssuchende, sowieso in der Öffentlichkeit einen sehr schlechten Stand haben. In vielen Dingen werden Hartz4 Empfänger menschenunwürdig behandelt und ausgegrenzt in vielen Bereichen, dies ist Tagesordnung.
    Selbst wenn ich auf die öffentlichen Toiletten gehe. Entweder werde ich ausm Frauenklo rausgeworfen, mit den Worten;" Was machen sie aufm Frauenklo"? oder ausm Männerklo verwiesen mit den Worten; " Für Frauen ist da drüben".
    (Ich bin transsexuell von Frau zu Mann).
    Selbst bei der Stadtverwaltung habe ich zwar, nach der Vornamensänderung, einen männlichen Namen, werde aber, da ich noch keine OP`s hatte, als Frau geführt.
    Es ist für uns alle sehr schwierig überhaupt irgendwo mal wenigstens ein bißchen dazu zugehören.
    Kann Dich voll und ganz verstehen, sei von mir gedrückt.
    Viele Grüße
    Daniel

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