Montag, 21. Juni 2010

Hast du denn nichts anständiges zum Anziehen?

Als ich meine Eltern am Sonntag Morgen abholte, kam der übliche Spruch meiner Mutter: "Hast Du nichts besseres zum anziehen?". Darauf hatte ich nur gewartet. Es war die Gelegenheit, sie mal wieder daran zu erinnern, daß ich eine Frau bin, auch wenn meine Mutter das nicht wahr haben möchte und ich nicht in weiblicher Aufmachung vor ihr stand und das was ich an hatte, der beste Kompromiss war, den ich eingehen konnte. Ich erwiderte ihr, daß ich viele schöne Sachen zum Anziehen habe, und wenn sie mich in einer hübscheren Aufmachung sehen möchte, das bedeuten würde, daß ich als Frau komme. Darauf hin sagte meine Mutter nur: "Bloß nich, um Gottes Willen". Da spürte ich wieder ganz deutlich, daß meine Mutter, sehr grosse Schwierigkeiten hat, mich so zu akzeptieren wie ich bin und sich ihre Einstellung wohl auch nicht ändern wird.
Meine Eltern und ich, waren am Sonntag zu einer Taufe eingeladen und ich machte mir dann später, während der Predigt des Pastors meine Gedanken. Sinniger Weise handelte die Predigt von dem Thema, daß man zu sich selbst stehen soll. Mir ging also so einiges im Kopf herum und ich hatte teilweise ziemlich mit meinen Gefühlen zu kämpfen. Gerade während der Predigt sind mir einige Tränen über meine Wange gekullert. Ich weiß, meine Eltern werden es wohl nie akzeptieren, daß ich transident bin. Immerhin sind sie beide mitte 80 und in einer Zeit groß geworden, als der Einzelne nichts galt, sondern die Gemeinschaft alles war. Für sie ist es wichtiger, nach aussen eine heile Familie zu zeigen, als sich mit den Gefühlen und Emotionen ihrer Angehörigen zu beschäftigen und Anteilnahmne zu zeigen. Gefühle haben in meiner Kindheit und Jugend keine grosse Rolle gespielt. Es war immer wichtiger, nicht aufzufallen und ja keinen Gesprächsstoff für die Nachbarn oder "die Anderen" liefern zu können. Der Spruch "Was sollen den die Anderen über dich Denken" habe ich so oft gehört, daß ich diese Denkweise natürlich auch verinnerlicht habe und ich jetzt unter grossen Schwierigkeiten bemüht bin, mich davon zu lösen. Dieser Spruch erinnert mich an einen anderen Spruch, nämlich "Wenn Du dies und jenes nicht tust, dann kommt der schwarze Mann". In beiden Sprüchen wird vor etwas imaginären Angst aufgebaut, nur mit dem Unterschied, daß man als Kind irgendwann mal begreift, daß es keinen schwarzen Mann gibt, aber "die Anderen" gibt es. Nein, die Vorstellung, daß es so etwas wie "die Anderen" gäbe, ist nichts anderes als der schwarze Mann für Erwachsene. Es gibt "die Anderen" / "den schwarzen Mann" nicht und es ist töricht sich vor so etwas Angst einjagen zu lassen. Aber meine Eltern haben Angst vor den "Anderen" und ich kann ihnen ihre Angst nicht nehmen, wenn sie nicht bereit und willens sind, sich selbst davon zu befreien. Deshalb befürchte ich, daß meine Versuche, ihnen zu zeigen, daß sie sich vor mir und meiner Gegenwart als Frau nicht fürchten müsssen, vergeblich sein werden.
Ich werde noch einige Versuche unternehmen, daß meine Eltern mich zumindestens als Frau soweit akzeptieren können, daß ich ihnen auch als Frau gegenüber treten darf. Sollte dies nicht möglich sein, wird der Kontakt zu ihnen, früher oder später abbrechen. Dies würde mir sehr weh tun, denn ich liebe meine Eltern, aber ich kann langfristig nicht so weiter machen wie bisher und immer auf sie rücksicht nehmen, denn das habe ich schon viel zu lange getan.

Zu dem Thema, habe ich auch einen kurzen Podcast aufgenommen. Er ist inhaltlich ähnlich wie der Text oben, aber von gestern Abend, als die Erlebnisse noch etwas frischer waren und beinhaltet noch etwas mehr als das Ereignis vom Sonntag.

Kommentare:

  1. Liebe Michaela,

    ich beneide Dich nciht auf deinem Weg... Ich hatte einen ähnlichen Weg nur das meine Mutter wenigsten versucht mich als Frau zu tolerieren. Der Rest der Famile samt Neffe und Nichten wollen und werden sich nicht daran gewöhnen das ich ich jetzt Martina heiße und nicht mehr ....

    Grüßle
    Martina Lindau

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  2. Hallo, Michaela,
    bei mir wäre es vermutlich mein Vater gewesen, der das nicht hätte akzeptieren können. Leider ist er schon lange vor meinem Coming Out gestorben, aber ich finde es im Nachhinein traurig, dass ich nicht wenigstens die Chance hatte ihm zu erklären, warum ich nie der Sohn sein konnte, den er sich gewünscht hat.
    Meine Mutter ist dagegen inzwischen sogar spürbar stolz drauf, dass sie mit Anfang Siebzig doch noch ihre Tochter bekommen hat.
    Ich wünsch Dir, dass Deine Eltern vielleicht doch noch akzeptieren, dass Du sie nicht mit einer Lüge leben lassen willst und dass sie darin auch das Vertrauen sehen, das Du in sie hast.

    Liebe Grüße
    Valérie

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  3. Hallo Michaela !
    Zu deinem neuesten Posting fällt mir spontan Baghwans Satz ein: WIR SIND NICHT AUF DER WELT, UM DIE ERWARTUNGEN DER ANDEREN ZU ERFÜLLEN.
    Vielleicht macht dir das Mut, nun endlich das zu tun, von dem du weißt, daß es das Richtige für DICH ist.
    Herzliche Grüße von Claudia aus Kiel.

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  4. Sorry meine liebe Michaela,
    so hart das klingen wird, ich befürchte bald, dass Du Dich von dem Wunsch und der Vorstellung, dass Dich Deine Eltern als Frau akzeptieren oder auch nur dulden, verabschieden musst. Es ist ja nun schon einige Zeit seit Deinem Outing bei ihnen ins Land gegangen und es hat sich nicht viel geändert.
    Ich habe hier ähnliches, nur Onkel und Tante, aber auch in dem Altersbereich Deiner Eltern, die verziehen jedes mal das Gesicht wenn sie mich sehen und erfinden die abenteuerlichsten Geschichten um mich von meine "Spleen" abzubringen. Nur habe ich den großen Vorteil, dass es "nur" Onkel und Tante sind. Ich bin mit ihnen längst nicht so verbunden wie man es zu seinen Eltern ist.

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  5. Hi Michaela
    erst einmal tut mir sowas immer im Herzen weh wenn ich mitbekomme wie manche Familien auf die Transsexualität ihrer Kinder reagieren, ich habe sowas ein Glück bei mir selbst noch nie erlebt und bin sehr dankbar dafür.

    Man muss seine Kinder so lieben wie sie sind... Und genau deswegen rate ich dir zu einem drastischen Schritt, ruf deine Eltern an und sage ihnen das du mit ihnen reden möchtest, treff dich mit ihnen und frage sie was wäre wenn du geistig behindert wärst? Frage sie ob sie dich dann eingesperrt hätten nur damit niemand etwas davon mitbekommt ...

    Und am besten sagst du klipp und klar das sie sich entweder damit abfinden müssen oder du eben keinen weiteren Kontakt zu ihnen haben möchtest.

    Glaub mir es hat nichts mit ihrem Alter zutun meine Großeltern sind ebenfalls in dem Alter und unterstützen mich auch in allem.



    Dein Leben gehört nur dir, nicht deinen Eltern.

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